ich suche dich in den Spuren
die nicht da sind
nie da waren
niemals sind
im Dröhnen der Äste
Flüstern der Autos
Hupen des Baches
du hast hier den Wind entdeckt
ich den Regen
das ist wohl
was immer bleibt
und nun wandre ich im Sonnenschein
Sommerbrise
Gewitterduft
wo sind deine Füße
deine Abdrücke hier im Nichts
deine Spuren in Asphalt
Kratzer an der Ewigkeit
gleich kommt Weltuntergang
Wolkenbrüche
wäscht uns fort
wo wir doch schon gar nicht sind
Geister
die nach Hause gingen
vorbei schauen nur
ein kurzer Spuk
***
ich weiß
hier in den wolkenbrüchen
aufgekratzen fantasien
und unendlichkeit
werden wir uns begegnen
werden wir uns halten
und unsere vier hände
werden dieses kunstwerk formen
unsere stimmen verschmelzen
und in diesen durstigen boden
gießen
————
Annalisa: Du bist aus Düsseldorf nach Vechta gereist, ich aus Bern. Beide haben wir uns nun schon von ganz unterschiedlichen Orten aus geschrieben, doch erst selten haben wir beide denselben Boden betreten. Außer eben in Vechta. Meinst du, dass diese Gemeinsamkeit uns verbindet?
Miriam: Auf jeden Fall ist es der Ausgangspunkt unserer Verbindung. Auch wenn wir uns in Vechta (noch) nicht begegnet sind. Das Erste, was ich mit dir zu tun hatte, war, dass ich vor meiner Zeit als Artist „Windstill los durch Vechta“ gelesen habe. Da warst du noch nur irgendeine meiner (in gewisser Weise namen- und gesichtslosen) Vorgänger*innen. Unsere jetzige Kooperation ist nur entstanden, weil du in Vechta Alfred Büngen und den Geest-Verlag kennengelernt hast. Ich weiß nicht, ob wir das gemeinsame Vechta brauchen, aber es ist definitiv essentiell, dass du dich in den Norden verirrt hast.
Apropos verirren (irgendwie): als ich in Vechta war, konnte ich immer damit spielen, wie fremd oder wie vertraut ich Gesprächspartner*innen erscheinen wollte. Manchmal war ich die Künstlerin aus Düsseldorf und manchmal kam ich gebürtig aus dem Nachbarlandkreis. Eigentlich war es nicht nur ein Spiel für die anderen. Auch innerlich schwankte ich immer wieder zwischen mich zu Hause fühlen und dem Fremdeln mit Vechtas Ländlichkeit. Wie fremd oder geborgen fühltest du dich?
Annalisa: Das ist eine sehr gute Frage. Da ich Schweizerin bin und in Bern geboren wurde, ist die Vorstellung naheliegend, der Norden wäre mir fremd. Da ich aber norddeutsche Wurzeln habe (meine Mama ist Norddeutsche und ich habe als Kind regelmäßig Verwandte in Wolfsburg besucht), ist es für mich eher ein Entdecken von Vertrautem. Ein wichtiger Aspekt ist sicherlich die Sprache. Meine Muttersprache ist Hochdeutsch, in der Schweiz spreche ich aber den berndeutschen Dialekt. Wenn ich in Norddeutschland bin, falle ich nicht sofort durch einen Schweizer Akzent auf – so glaube ich zumindest. Eine Berliner Autorin meinte einmal zu mir, wenn ich lese, höre sie deutlich einen Schweizer Singsang. Das fällt mir nicht auf…
Was mir in Vechta aber sofort aufgefallen ist und anders war: Die Häuser sehen ganz anders aus als in Bern. Es herrscht so eine krasse Ordnung. Und ich bin es nicht gewöhnt, dass die Religion im Alltag so präsent ist. In Vechta schien mir die Frage immer sehr zentral: Bist du katholisch oder protestantisch? Es schien alle Angebote parallel in einer katholischen und einer protestantischen Version zu geben. Zum Beispiel die Unigruppen. Ist das denn so zentral? Ich erinnere mich sehr gut daran, wie ich einen katholischen Gottesdienst besuchte, weil ich verschiedene Eindrücke gewinnen wollte. Da ich aber keine Katholikin bin, fiel ich sofort auf. Ich erntete strenge Blicke. Dies bin ich wirklich nicht gewöhnt. In Bern scheint es mir, als sei jeder Mensch in jeder Art von Gottesdienst willkommen. Die Religion ist also im Nachhinein betrachtet irgendwie ein abgrenzendes Moment. Hast du auch so etwas erlebt? Oder vielleicht (hoffentlich) auch das Gegenteil? Verbindendes?
Miriam: Ich habe die Religiosität in Vechta gar nicht so stark als trennend erlebt, aber vielleicht auch nur, weil ich davon ausgegangen bin, dass alles katholisch ist. Was ich als sehr verbindend innerhalb Vechtas erlebt habe, war das Jammern über die Züge, die immer zu spät und zu selten kommen. Und es gab eine Abgrenzung gegenüber „der Stadt“, was auch immer das heißt. Die Ländlichkeit der Region war sehr verbindend untereinander.
Letztes Jahr war ich nochmal ganz kurz in Vechta. Ein Umweg auf der Durchreise von meinen Eltern nach Düsseldorf. Danach schrieb ich ein Gedicht für unser Projekt. Vor ein paar Wochen bin ich wieder nochmal durch Vechta gefahren, diesmal ohne aus dem Zug auszusteigen.
Für mich ist es immer spannend, Orte nach kurzer oder langer Zeit wiederzusehen, zu sehen, wie sich die Dinge verändert haben. Bisher waren die Veränderungen in überschaubarem Maße. Die Baustelle bei einer Schule, die ich besucht hatte, ging jetzt dem Ende entgegen. Die geplante Umgestaltung des Moorbachs, über die ich geschrieben hatte, war plötzlich in vollem Gange. Gibt es Dinge, die, während du in Vechta warst, im Werden oder in Veränderungsprozessen waren, auf deren Ausgang du gespannt bist, solltest du wieder dort hinkommen? Bei dir ist die Zeitspanne des Gehens (und potentiellen Wiederkommens) natürlich ganz anders als bei mir.
Annalisa: Ja, das stimmt, bei mir ist es tatsächlich schon fast zehn Jahre her. Dennoch ist mir die Zeit sehr präsent und ich bin immer noch dankbar für ein bestimmtes Phänomen, das die Stadt Vechta in mir ausgelöst hat: Obwohl ich bis zu meinem Aufenthalt Prosa geschrieben habe, entstanden in Vechta Gedichte. Und es zog mich richtig zur Lyrik hin. Dass eine Stadt so viel Kunstvolles in mir bewegen kann, das würde ich gerne wieder einmal erleben. An Baustellen oder äußere Veränderungen kann ich mich nicht erinnern. Sehr gerne wüsste ich natürlich, was inzwischen aus bestimmten Menschen geworden ist. Geflüchtete Menschen aus Syrien, denen ich in der Stadt begegnet war. Wie geht es ihnen heute? Oder eine Studentin, die mir damals erzählt hat, sie würde gerne Gefängnisseelsorgerin werden. Oder auch eine Kunststudentin oder junge Menschen, die an einer Schreibwerkstatt teilgenommen hatten. Was machen sie heute, welche Kunst ist in dieser Stadt gewachsen?
Es ist wunderbar, dass bei deiner Wiederbegegnung mit Vechta gleich ein Gedicht entstanden ist! Ich mag es übrigens sehr. Was ist der “kurze Spuk” in deinem Gedicht?
Miriam: Der kurze Spuk? Das sind wir. Oder zumindest fühle ich mich ein bisschen so. Als Artists tauchen wir in Vechta auf, machen die Stadt unsicher und dann sind wir wieder verschwunden. Unsere physische Erscheinung verliert sich sehr schnell und ob das, was wir an künstlerischen Spuren zurücklassen, gesehen wird, ob die Menschen es annehmen und damit etwas anfangen können, bekommen wir nur noch eingeschränkt mit.
Die Vechtaer*innen können entscheiden, ob wir real waren oder nicht. Ob sie uns sehen oder nicht. Ob sie uns zu einer Wiederkehr beschwören.
Was sagst du? Kann das hier ein Ende (dieses Blogbeitrags) sein? Oder fehlt dir noch etwas?
Annalisa: Für mich ist der Spuk ein gutes Ende.

*Miriam Bornewasser (li.) und Annalisa Hartmann (re.) waren beide einzeln (2022 & 2015) als Artist in Residence in Vechta. Zum 10-jährigen Jubiläum haben wir die bisherigen AiR’s zu einem Gastbeitrag im Blog eingeladen. Annalisa Hartmann und Miriam Bornewasser schreiben aktuell ein gemeinsames Buch über eine versuchte Annäherung, für die sie aus Bern und Düsseldorf aufeinander zu wandern. Aufgrund dieses Projekts entstand auch die Idee zu einem gemeinsamen Gast-Blogbeitrag, welcher aus zwei Gedichten und einem Dialog der beiden besteht.