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Kiesvariationen

17.03.2024
Morgens flackern die drei Kerzen auf der Leinwand über dem Bett noch immer. Sie haben die ganze Nacht gebrannt. Lucia erzählt: „Wenn man im Schnee verloren geht, dann überkommt einen eine große Müdigkeit und man möchte sich nur kurz hinlegen. Doch dann erfriert man.“ Draußen versucht ein Mann den Durchfall seines Hundes mit einer Plastiktüte einzusammeln. Dazu singt laut Vogel-App ein Zilpzalp. Auf dem Friedhof hat sich die Stadt versammelt und pflegt Gräber zwischen Hecken, geschwungenen Abgrenzsteinen, Kiesvariationen, Stiefmütterchen in Reihe. Ein Streit am Grab mit Pflanzenkübel und Kerzen. Der Abfall landet hart im Müll. Die Wiese neben dem Friedhof ist von Maulwurfshügeln zerfressen. „Maulwürfe werden manchmal aus ihren Höhlen gesprengt“, sagt Lucia. „Dann stolpert man nicht mehr und kann gehen, ohne die Füße zu heben.“

Auf der Brücke schauen Passanten den einfahrenden Zügen zu, ihre Hunde warten ungeduldig. Bei Dolce Vita steht noch D-Mark dran. Lucia fragt, was die beliebtesten Eissorten seien, bei den süßen und den sauren. Wir nehmen aber etwas anderes. Mein Eis schmeckt nach Schnee und ich frage mich, wie es sein muss, darin einzuschlafen. Ansammlung von Steppjacken bei einer Gedenkfeier mit Clarinettenmusik. Wir gehen Lokalreportern aus dem Bild. Dann probieren wir die Sportgeräte im Park. Eine Gruppe vorgefahrener Jugendliche fangen Pokemons mit ihren Handys ein. Wir gehen weiter an Vorgärten vorbei. In einem liegt im Kiesbett ein Haufen zusammengeschmolzener Ziegelsteine. Dahinter ist Wald, er nimmt uns auf und schluckt unsere Gedanken.

Beim Gutshof gibts Kaffeekuchen für Ausflügler. Das Pferd mit Fohlen ist gedoppelt. Alle vier schweigen. Der Nachbartisch redet über Geld. Ein Mann erzählt, dass er jedes Jahr Germany’s Next Topmodel Kandidatinnen auf der Arbeit ausdruckt und in der Kantine über sie abstimmen lässt. Die Frauen kichern. Ein Foto von der Neuen eines Bekannten wird herumgezeigt. „Die ist ja hübsch!“ Drinnen gibts eine Sahnemaschine und wir bekommen, in einer Serviette eingepackt, Salz geschenkt für unsere Kartoffeln nachher. Ein Mann hält das Fohlen am ganzen Körper und schiebt es in den Stall. Auf dem Rückweg stehen die Pokemonjungs immer noch da mit abgeknickten Köpfen. Im Hotel gibts mikrowellierte Kartoffeln und Brechbohnen.