Wochenlang wachten wir nebeneinander auf, doch der Rausch hat nun ein Ende. Mein Körper ist erschlafft und ausgelaugt, unsere Liebe scheint gestorben. Ich lecke meine Wunden. Habe mich auf meinen Landsitz in Sachsen-Anhalt zurückgezogen, und bei den seltenen Gelegenheiten, zu denen mir in der Abgeschiedenheit andere Menschen begegnen, schlage ich beschämt die Augen nieder. Ich fürchte ihren Vorwurf: Valentin, wie konntest du?
Dabei fiel mir die Trennung alles andere als leicht, und auch jetzt, Wochen später, schiebe ich noch immer einen Affen – es ist ein harter, kalter Entzug. Nachts werfe ich mich schwitzend und schlaflos umher, morgens liege ich lange frierend im Bett. Starre aus dem Fenster und snooze die Welt dort draußen fort, bis sie schließlich endlich Ruhe gibt.
Was soll ich sagen? Ich hielt den Gedanken nicht aus, unsere Leidenschaft könne nachlassen, und profane Gewöhnung – nicht mehr die irrsinnige Spannung des Unbekannten – würde künftig herrschen. So wollte ich nicht mit Vechta sein! Konnte nicht. Unsere Liebe war eine amour fou, intensiv und leichtsinnig, und derart sollte ich sie in meiner Erinnerung tragen, also buchte ich ein Bahnticket. Den Soundtrack zu unserem Untergang lieferten Kurt Cobain und ein Chor von Vögeln im Vechtaer Moor: It‘s better to burn out, than to fade away …
Und es ist okay. Wir trennten uns im Guten. Ohnehin war Vechta das Geld, um mich weiter zu unterhalten, ausgegangen, und zugleich wusste ich, es würde sich schon bald ein neuer oder eine neue AiR auftun, Vechta würde auch ohne mich gut klarkommen, und ich wäre nunmehr bloß ein weiteres vergilbtes Polaroid in der Schmuddelkiste der Stadtgeschichte, aber was soll‘s – wir hatten eine gute, eine wilde Zeit.
Jetzt gehe ich es ruhiger an. Sobald ich mich aus den Decken wälze, muss ich mich beeilen, den Ofen anzuheizen. Es ist kalt geworden, die letzten Blätter fallen von den Bäumen. Wenn die Sonne scheint, ist es ein buntes Schauspiel, doch meistens scheint sie nicht, der Nebel dominiert. Lässt es das Wetter aber zu, zerre ich den Liegestuhl in den Garten. Ich lege mich hinein, ziehe den Reißverschluss des Schlafsacks bis ganz unters Kinn und beobachte das Wanken der Baumwipfel im Wind oder das sanfte Aufwallen der Regenbogenfahne. „Sind jetzt die Ausländer eingezogen“, wurde ich damals von den Nachbarn feixend gefragt, als ich die Fahne an der meterlangen Satellitenschüsselstange auf meinem Bungalowdach anbrachte, aber eine Antwort fiel mir schwer. Und eine ganz ähnliche Unsicherheit, so erinnere ich mich, befiel mich auch in Vechta: Es war einer der ersten Tage. Ich war mit dem Rad unterwegs. Irgendwo hinter Oythe. In einem Gebüsch neben dem Radweg dann dieses Fähnchen von jener Art und Größe, wie sie bei Fußballweltmeisterschaften an Autos befestigt werden. Ein buntes Rechteck im Ocker, Grün und Grau der Umgebung. Ich stieg ab, klemmte mir die Fahne auf den Gepäckträger. Dann sah ich die krakelige Aufschrift: „Wir lieben dich trotzdem!“, stand da unter der irgendwie verklemmt wirkenden Zeichnung eines Penisses mit zwei Eiern, was mehr dem Stinkefinger einer dreigliedrigen Hand ähnelte als einem Herz … Ich war mir unsicher, wie beglückend ich diesen Fund bewerten sollte – oder wie bedrückend.
Tja, wie vielfältig ist Vechta, fragte ich mich – denn es war meine Aufgabe als AiR –, wie bunt? Um es kurz auszudrücken: Vechta ist nicht regenbogenfarben. Die bürgerliche (weiße, deutsche, gesunde, mittelständische, katholische) und nach heteronormativen Prinzipien strukturierte Kleinfamilie ist der unangefochtene Standard, der Königsweg, von dem nur wenige abweichen. Statistisch gesehen gibt es daneben nicht viel. Und doch habe ich alternativ lebende Menschen auch in Vechta kennengelernt: die 3er-Bande, wie ich sie für mich getauft habe, etwa. Drei Männer mittleren Alters, die nicht nur in einer Wohn- sondern auch einer Lebens- und Liebesgemeinschaft lebten. Und das nicht in Berlin-Schöneberg sondern im Auge des Orkans. Großartige Menschen waren das! Wenngleich in vieler Hinsicht nicht weniger konservativ als der hieisge Mainstream, wie es mir schien. Andere homosexuelle Männer berichteten, dass sie ihre Sexualität nicht allzu offen auslebten, um nicht zu provozieren, obwohl man ihnen in aller Regel mit Toleranz begegnete. Voraussetzung dafür sei aber, eine gewisse Seriosität auszustrahlen, nicht aufzufallen, sich nicht querzustellen, also mitzumachen und bestenfalls etwas für die Gemeinschaft zu leisten. Besser gesagt: mehr zu leisten. Denn eine Beäugung finde durchaus statt. Ein Hetero-Schweinebauer dürfe sich alle möglichen Fauxpas erlauben. Ein schwuler Lehrer dagegen nicht.
Vielfalt umfasst natürlich noch viel mehr als Fragen rund um Queer oder Gender, etwa die nach der Vielfalt der Religionen, der Herkünfte, der Sprachen, der Moden, der Körper, der Generationen, der Arbeitswelten, der kulturellen Angebote usw. usf., aber als Instrument eines generellen Gradmessers lohnt es sich durchaus, im Speziellen dort genauer hinzugucken. Vechta ist aufrichtig bemüht. Allen voran die Uni. Sie hat die „Charta der Vielfalt. Für Diversity in der Arbeitswelt“ unterzeichnet, eine All-Gender-Toilette eingeweiht und eine studentische Queer-Gruppe beheimatet, die unter Corona leider vorerst eingegangen ist. Und irgendwo in der Stadt muss es einen Typen geben, der sich für Aufklärung über Polyamorie engagieren soll, etwa in Form eines Stammtischs für Leute, die alternativ leben und lieben, aber auf meine Mails gab er nie Antwort. Vielleicht bloß ein Mythos? Selbst wenn – immerhin!
Aber so oder so, selbst wenn alles PERFEKT wäre in Vechta – ich würde mich trotzdem verpflichtet fühlen, immer wieder den Spielverderber zu mimen, auf Missstände oder Seltsamkeiten hinzuweisen: Wie kommt es, würde ich fragen, dass ihr VIER Bordelle habt? Wieso pfeifen einem hier ständig die Ohren vor lauter Wind, aber Windkrafträder sieht man kaum? Weshalb eigentlich stehen hier ÜBERALL Kondomautomaten? Und warum findet man auf dem Europaplatz eine Bronzestatue vom Springpferd „Warwick Rex“, aber keinen einzigen Hinweis auf Rolf Dieter Brinkmann, den gebürtigen Vechtaer? Ja, ich weiß, die Pferdezucht hat Tradition in Vechta, und ja, ja, so Pferde sind schöne und anmutige Tiere, die tun keinem weh. Brinkmann mag ein Arsch gewesen sein, aber immerhin ist er auch das Steckenpferd der deutschsprachigen Lyrik! In der Buchhandlung am Ort lagen seine Bücher nicht aus.
Zuletzt noch ein Disclaimer in Sachen Spielverderber: Ein Spiel kann nur verdorben werden, wenn es ein Spiel gibt. Und das gibt es in Vechta. Man muss es sich als Stadt schon leisten können, sich so einen AiR-Vogel einzufliegen! Nicht nur finanziell. Auch ideell. Das ist der ganze Witz. Sprich: Sich das anzutun, zeugt von Charakter. Ein bisschen Masochismus hat noch niemandem geschadet.
Am Nachmittag bricht der Nebel auf. Ich werfe die Feuertonne an, verbrenne einen Haufen alten Scheiß. Von meinem Liegestuhl aus schaue ich nach vorn. Der Horizont ist begrenzt vom Saum des Waldes. Aber was dahinter dräut, ich weiß es schon: der nächste fucking Corona-Winter. Und damit der Tod der Kultur. Der stille Abgesang auf die Bedeutung der Kulturschaffenden … Ach Vechta, denke ich voller Wehmut: An deiner Seite war ich noch wer, immerhin – ein AiR.